Dokumentationszentrum in der Villa Pauly, Luxembourg

Villa Pauly
Zellen der Villa Pauly
Gedenktafel Villa Pauly

Villa Pauly, der ehemalige Sitz der Gestapo im Zentrum der Stadt Luxemburg

"In der Villa Pauly, dem ehemaligen Sitz der Gestapo, begann für zahlreiche Luxemburger der Weg durch nationalsozialistische Gefängnisse und Konzentrationslager, von dem viele nicht zurückkehren sollten. Die 'Villa Pauly' im Zentrum der Stadt Luxemburg wurde im Jahr 1919 im Auftrag des Arztes Dr. Norbert Pauly als Wohnhaus und Praxis gebaut.

Beim Überfall der deutschen Wehrmacht auf Luxemburg am 10. Mai 1940 befand sich der Eigentümer mit seiner Familie auf einer Urlaubsreise in Frankreich. Das Haus wurde von deutschen Behörden in Beschlag genommen.
Dr. Pauly konnte erst im Herbst 1940 nach Luxemburg zurückkehren und vermietete später das Anwesen an die Gestapo. Nachdem Gustav Simon 'Chef der Zivilverwaltung in Luxemburg' geworden war und alles daran setzte, die luxemburgische Verwaltung im Sinne eines Anschlusses an das Deutsche Reich durch eine deutsche zu ersetzten, wurde die Villa von August 1940 bis September 1944 zum Sitz des Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (Gestapozentrale) bestimmt.

 

In Diekirch und Esch unterhielt die Gestapo zwei Außenstellen. Mit Schlägen und Fußtritten begann für viele Menschen bereits in der Eingangshalle der Villa ein Leidensweg, der sie nach Verhören und Demütigungen in die nationalsozialistischen Gefängnisse und Konzentrationslager führen sollte.

'Ich hefte mir ein gestohlenes Hitlerjugend-Abzeichen an die Weste und gehe ohne Zaudern auf die Villa Pauly zu. Nur der Vorraum ist beleuchtet. Ich zögere etwas, ich spüre, wie mich Angst beim ersten Anblick dieses Hauses überkommt. Nun muss ich mich rasch entscheiden. Ich trete entschlossen ein. Leicht verängstigt, doch zuversichtlich stehe ich in der Vorhalle der Villa Pauly. Ein breitschultriger Gestapokerl sitzt, den dicken Kopf in die Hände gestützt, hinter dem schmalen Schreibtisch. Er scheint müde, glotzt mich eine Weile mit blutunterlaufenen, versoffenen Augen an und springt plötzlich hoch. Er packt mich am Kragen und schnauft fuchswild: "Nu guck dir mal das Schwein an, trägt unverschämt unser HJ-Abzeichen an seinem Saupelz. Runter damit! (Ich hatte das HJ-Zeichen als Tarnung an die Jacke geheftet). Ich gebe ihm das Abzeichen und bekomme dafür eine Ohrfeige. Tut nichts! Fast feierlich legt er das "entheiligte" Abzeichen auf die grüne Filzschreibmappe. Dann schreit er mich an: "Name!" Ich muss laut und deutlich buchstabieren, wiederholen und nochmals wiederholen, vorwärts und rückwärts buchstabieren, derweil mein ABC-Pauker um mich herumkreist. Jetzt greift er plötzlich in meine rechte Jackentasche und packt meine kleine Brieftasche. Unwillkürlich drücke ich den Oberarm an die Tasche. Ein Kinnhaken, der nicht ein Montagskinnhaken ist, lässt mich zusammen sacken. "Aufstehen! Hinlegen! Aufstehen!", kommandiert er wütend. Ich bin jung und schaffe diese Morgengymnastik eigentlich gut. Nun muss ich ihm brav den Ausweis geben. Er legt ihn in die Schublade, packt mich wieder beim Kragen, rüttelt mich durch und schubst mich mit einer etwas verfehlten Fußbegleitung in einen kleinen Raum. "Stell dich in die Ecke, die LPL-Fratze zur Mauer hin und mucks dich nicht, du Sau-Letzeburger! Plag mich doch nicht schon am frühen Morgen mit so was herum!", faucht er wild und schließt die Tür ab. Ich bin allein. Angst habe ich keine mehr. Am Abend will ich wieder zu Hause sein. [...] Die Backe schmerzt schon ganz ordentlich, der rechte Augenzahn blutet und die Oberlippe ist angeschwollen. Eigentlich bin ich bis jetzt glimpflich davongekommen. Vielleicht steht mir die schlimme Spezialbehandlung in den Kellern der Villa Pauly, von der so Schreckliches im Land geflüstert wird, noch bevor. "Gleich wie es auch kommen mag, ich weiß von nichts", rede ich mir unentwegt ein. In den Büros 'tipptappen' im Zweifingerrhythmus zwei oder drei Schreibmaschinen. Von den Gängen und aus der Halle sind Stiefelschritte zu hören, ab und zu schallt ein gekonnter Heil-Hitlergruss herüber und dann ertönt ein teuflisches Gelächter vor der Tür meines Wartezimmers. Jemand öffnet die Tür. Ich werfe einen schnellen Blick hin. "Augen gerade aus!" brüllt eine bekannte Stimme. Ein Paar Stiefelabsätze hacken militärisch exakt zusammen, und die gleiche Stimme meldet in strammem Ton: "Gefangener zum Abtransport bereit!" "Danke, trifft sich gut. Sparen Unkosten. Begleiten Sie das LPL-Früchtchen gleich zum Wagen!", erwidert eine heisere Stimme die Meldung. "Unterwegs werden wir uns mit dem Burschen unterhalten", fügt er höhnisch lachend hinzu und entfernt sich. Meine Hoffnung, am Abend wieder bei Mutter zu sein, ist zerschlagen.'
(Aus den Erinnerungen 'Student in Hinzert und Natzweiler' von Metty Barbel)


Am Tor zur Villa Pauly befindet sich eine Gedenktafel, die an die historische Bedeutung des Ortes erinnert. Im Gebäude wurde das Dokumentations- und Forschungszentrum zur Geschichte des luxemburgischen Widerstandes eingerichtet.
Bereit im Jahr 1945 erwarb der Staat Luxemburg das Anwesen und brachte in den folgenden Jahrzehnten das Gesundheits- und das Arbeitsministerium in der Villa unter. Im Jahr 1982 wurde am Eingangsportal eine Gedenktafel angebracht. Sie trägt die Inschrift:
'Villa Pauly
Sitz der Gestapo 1940 - 1944
Passant erinnere dich an die in diesem Ort während der Zeit der Nazi-Besatzung gefolterten Widerstandskämpfer'


Im Jahr 1997 trat der 'Conseil National de la Résistance' (Nationale Widerstandsrat) an die luxemburgische Regierung mit der Bitte heran, die Erinnerungen und das Wissen über den Widerstand zahlreicher Luxemburger auch nach dem Verlust der Zeitzeugen zu bewahren und nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Auf Anregung des Widerstandsrats erfolgte im Jahr 2000 die Gründung des 'Centre de documentation et de recherche sur la Résistance' (Dokumentations- und Forschungszentrums zum Widerstand) in der symbolträchtigen Villa Pauly. Am 23. Oktober 2001 wurde das Dokumentations- und Forschungszentrum in Anwesenheit von Großherzog Henri, Großherzogin Maria Teresa und Premierminister Jean-Claude Juncker feierlich eingeweiht. Aufgabe des Zentrums ist die Erfassung, Sammlung, Archivierung und wissenschaftliche Auswertung von Dokumenten über den Widerstand des luxemburgischen Volkes gegen die nationalsozialistischen Besatzer. Darüber hinaus soll die dem Staatsministerium unterstehende Einrichtung aktiv zum Erhalt des kollektiven Gedächtnisses beitragen. Den Grundstock der Sammlung des Dokumentationszentrums bildet das Archiv des Nationalen Widerstandsrats. Das Archiv in der Villa Pauly ist öffentlich zugänglich, zu den gleichen Bedingungen, die auch die Nutzung des Nationalarchivs regeln. Ergänzt wird es durch eine Präsenzbibliothek zum Thema Geschichte des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs, die eine fast vollständige Sammlung der in Luxemburg veröffentlichten Bücher - vorwiegend autobiographische Berichte von Beteiligten - enthält. Angesprochen sind vor allem Studenten und Wissenschaftler, deren Forschungsarbeiten das Zentrum unterstützt. In Eigeninitiative oder in Zusammenarbeit mit anderen Kulturinstituten, wie der Nationalbibliothek, dem Nationalarchiv oder dem Centre National de l’Audiovisuel werden Ausstellungen, Vorträge und wissenschaftliche Kolloquien organisiert. 

Adresse
Centre de Documentation et de Recherche sur la Résistance (CDRR)
57, boulevard de la Pétrusse
2320 Luxemburg
Luxemburg

Telefon: 00352-4782280
Telefax: 00352-290039

eMail: Paul.Dostert(at)cnr.etat.lu

Öffnungszeiten
Das Dokumentationszentrum ist an Werktagen geöffnet. Recherchen und Besuche sind nach vorheriger Absprache möglich.

Text: http://www.gedenken-in-benelux.de vom 26.05.2014