Gestapo-Zelle im Saarbrücker Schloss

Historisches Museum Saar Gestapozelle
Historisches Museum Saar Gestapozelle

Im linken Flügel des Saarbrücker Schlosses richtete die Geheime Staatspolizei (Gestapo) 1935 ihr Hauptquartier für das Saargebiet ein.

"Mit dem Tag der offiziellen Machtübernahme, am 1.3.1935, der in Saarbrücken unter großen Jubelfeiern und der Anwesenheit Hitlers begangen wurde, übernahm Himmlers Duzfreund Anton Dunckern die Leitung der Saarbrücker Gestapo-Stelle. Ihm unterstanden auch die Außenstellen in Ottweiler, Merzig, St. Wendel, St. Ingbert, Neunkirchen, Homburg und Saarlouis. Hier befanden sich auch die anderen Zentren des faschistischen Machtapparates. Die Kreisleitung der NSDAP war im Hintergebäude Schloßplatz 6-7 untergebracht, die Gauleitung im Schloß selbst. Im ehemaligen Kreisständehaus wurde eine Wohnung für Bürckel eingerichtet. 1941/42 wurde das Haus als Repräsentationsbau für die Gauleitung umgebaut.

Über die Praktiken der Gestapo bei Folter und Verhören konnte einer der ersten Gefangenen des Schloßkellers, der im September 1935 inhaftierte Kommunist Fritz Hill, einen Kassiber aus der Haft schmuggeln, der 1936 in Paris in der 'Deutschen Volkszeltung' wiedergegeben wurde. Zuerst wurde Hill in die Artilleriekaserne in der Saargemünderstraße transportiert. Dort hatte man in einem Stall durch Militärspinde etwa vierzig Ecken gebildet, die jeweils mit Häftlingen besetzt waren, die Stunden und Tage dort stehen mussten, ohne sich zu rühren. Hill stand 53 Stunden in einer solchen Ecke, traktiert von den Fußtritten des Wachpersonals, bevor er zum Verhör zur Gestapozentrale im Schloß gefahren wurde. Nach dem Verhör brachte man ihn in die Artilleriekaserne zurück, 'warf mich in eins der bereitliegenden Spinden, die eine Größe von 40 mal 60 mal 200 Zentimeter hatten und wälzte den Kasten etwa 20 Minuten auf dem Boden umher. Gleichzeitig trommelte man mit Knüppeln und Eisenstangen auf dem Sarg herum. Als das Spind geöffnet wurde, fragte man mich wieder aus. Ich sollte zugeben, dass ich Kommunist sei. Ich schwieg, weil ich nach der vorausgegangenen Tortur nicht mehr fähig war, zu antworten.'

In der Folgezeit wechselten die immer wieder in der Gestapo-Zentrale durchgeführten Verhöre mit den vielfältigsten Misshandlungen in der Artillerie-Kaserne, im Polizeigefängnis in der Alexanderstraße und im Gefängnis Lerchesflur, wo Hill zuletzt inhaftiert war, bevor er nach dem KZ Sachsenhausen überführt wurde, wo er erst mit Kriegsende befreit wurde. Hill berichtet weiter über seine Erfahrungen: 'Während meiner Haft war ich Augenzeuge verschiedener Misshandlungen von Gefangenen. Frau Hippchen, eine über 50-jährige Frau und ehemalige Leiterin der IAH, Saarbrücken, wurde trotz ihres steifen Beines in rohester Weise von fünf Feldjägern über den Hof geschleift. Frau Laah aus Saarbrücken, Kolonnenweg 5 stand eine Nacht neben mir in der Spindecke. Als sie um eine Sitzgelegenheit bat, wurde sie von den Feldjägern beschimpft: Du Kommunistenschwein, Du Hure, Du Drecksau!
Einen Häftling aus Güdingen schlug der Feldjäger mit einem Karabinerhaken nieder und übergoss ihn so lange mit kaltem Wasser, bis er wieder zur Besinnung kam. Im Lerchesflur legte der Hauptwachmeister Weber die Häftlinge in Ketten, die ein Gewicht bis zu 40 Pfund hatten. Als Ruhelager diente den so Bestraften eine Holzbank. Der Wachtmeister Bonner schlug die Häftlinge derartig, dass sie oft auf Bahren weggetragen werden mussten. Außerdem ließ er die Leute vor dem Einschluss im Hemd antreten und exerzieren.'
Bei der steigenden Zahl der Verhafteten und der Verhörten - allein bis 1936 gingen etwa 5.000 Menschen durch die Gestapo-Mühlen auf dem Schloßplatz - ging man dazu über, im Schloßkeller selbst nach den in der Artilleriekaserne und im Alexandergefängnis praktizierten Methoden Zellen und Verschläge für Häftlinge einzurichten, in den sie oft stunden- und tagelang auf ihre Verhöre warten mussten.
Erhalten ist heute noch - und im Rahmen des Regionalgeschichtlichen Museums zu besichtigen - die 2,50 mal 3,50 große Zelle mit ihren zahlreichen, in vielen Sprachen verfassten Wandinschriften. Neben der Zelle waren in den Kellerräumen Eisenkäfige installiert und Blechkästen, die nur so groß waren, dass eine Person gerade in ihnen Platz fand.

Im Kellergeschoss des Schlosses wurde 1975 eine ehemalige Gestapo-Zelle entdeckt. An der Zellentür sowie an den Wänden des Kellergewölbes fand man zahlreiche Inschriften ehemaliger Gefangener, in der Mehrzahl in kyrillischen Buchstaben und einige in französischer, polnischer, niederländischer oder italienischer Sprache. Kurz nachdem der Stadtverbandstag Saarbrücken Sicherung und Konservierung zugesagt hatte, wurden die Zellentür und mit ihr zahlreiche Inschriften unter ungeklärten Umständen entwendet. Die Zellentür blieb verschwunden.
1981 wurden die Wände des Kellergewölbes von einer Karnevalsgesellschaft achtlos übertüncht, wodurch viele Inschriften unleserlich wurden und als Zeugnisse verloren gingen. Da die Inschriften und die Zellentür vor ihrem Verschwinden fotografiert worden waren, konnte ein Foto der Tür in Originalgröße auf die heutige Ersatztür aufgezogen werden.
Seit 1977 bemühten sich Landesjugendring und Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN/BdA) um die Gestaltung einer Gedenkstätte. Zusammen mit der Volkshochschule führten sie seit 1980 im Rahmen einer "Alternativen Stadtrundfahrt" Besuchergruppen an diesen Ort. Heute ist die wiederhergestellte 2,50 mal 3,50 Meter große Zelle Gedenkstätte.
Als Teil der im November 1988 eröffneten ständigen Ausstellung des Regionalgeschichtlichen Museums "Zehn statt tausend Jahre - Nationalsozialismus an der Saar" ist sie der Öffentlichkeit zugänglich. Die Ausstellung gliedert sich in die Abteilungen 'Volksgemeinschaft', Widerstand, Verfolgung, NS-Herrschaftsapparat und Kriegsalltag an der Saar."

Adresse:
Historisches Museum Saar, Schloßplatz 15, 66119 Saarbrücken

Literatur: Volk, Hermann, Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Bd. 4 Saarland, Köln 1989, 18f., 1 Abb.

Katalog: »Zehn statt tausend Jahre. Die Zeit des Nationalsozialismus an der Saar (1935-1945)«, Katalog zur Ausstellung des Regionalgeschichtlichen Museums im Saarbrücker Schloß, Saarbrücken 1988. Darüber hinaus gibt es eine hektographierte Broschüre über die »Wandinschriften der Gestapo-Zelle«: Die Wandinschriften in der Gestapozelle. - Erfassung ind Origignalwortlaut, Transliteration, Übersetzung: Aelitta Dalügge, Inge Plettenberg. Stadtverband Saarbrücken, Regionalgeschichtliches Museum 1988

Puvogel, Ulrike/Stankowski, Martin (Hg.): Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus, Bd. 1, Bonn 1995, 708f.)

letzte Änderung BW 07.02.2007