Zwangsarbeiterlager der Familie von Boch auf dem Linslerhof, Überherrn

Linslerhof 1959
Linslerhof 1959

Auf dem Linslerhof befand sich ab 1940 ein Arbeitskommando französischer Kriegsgefangener und ab 1941 ein Lager für polnische und sowjetische Zwangsarbeiter.


"Auf dem der Familie von Boch gehörenden landwirtschaftlichen Gut Linslerhof befand sich ab 1940 ein Arbeitskommando französischer Kriegsgefangener (etwa 30 Personen) und ab 1941 ein Lager für polnische und sowjetische Zwangsarbeiter. Die Angaben zweier Überlebender differieren in wenigen Einzelheiten. In einer heute noch bestehenden, kleinen Holzbaracke hinter dem Verwaltungsgebäude waren 30 (oder 70) Frauen zusammengepfercht. In einem Lagerraum über der ehemaligen Schnapsbrennerei waren etwa 80 Männer untergebracht. Bis Ende 1942 waren die beiden Lager durch Stacheldrahtrollen umzäunt. Bewacht wurden die Gefangenen von zwei pensionierten Gendarmen. Die beiden Lager bestanden bis zur Evakuierung im November 1944. Jedoch hatte v. Boch seine Leute schon vorher zu Schanzarbeiten abgeben müssen. Nur eine kleine Gruppe von etwa 12 Gefangenen konnte von ihm dem behördlichen Zugriff entzogen werden. Die wenigen bis zum Einzug der amerikanischen Armee verbliebenen Zwangsarbeiter wurden von den Amerikanern im Frühjahr 1945 nach Angoulemes in Südfrankreich in ein Auffanglager für 'Displaced Persons' evakuiert. Der heute im Saarland lebende Alexander F. wurde im November 1941 aus seinem Heimatdorf in der Ukraine nach Deutschland deportiert. Morgens um 4.30 Uhr wurde das gesamte Dorf umstellt und alle Einwohner im Alter zwischen 16 und 25 Jahren wurden am Bahnhof zusammengetrieben. Von dort ging es nach Kiew zu einer ersten 'ärztlichen Begutachtung' und in einem Sammeltransport in 3 Tagen von Kiew nach Pirmasens, wo im Ostarbeiterdurchgangslager die ersten Registrierungen und Gruppeneinteilungen erfolgten. Mit etwa einem Dutzend Männer und 20 Frauen kam F. dann in das Lager der Mannesmann-Werke in Bous, wo er aber nach wenigen Tagen mit anderen dem Linslerhof zugewiesen wurde. Die Zwangsarbeiter wurden zu Bauarbeiten auf dem Hof, zu Dränagearbeiten und in der Landwirtschaft eingesetzt. Im Winter mussten sie im Mettlacher Wald arbeiten. Morgens um 6 Uhr wurde zum Appell angetreten, die Arbeitszeit betrug von Montag bis Samstag 12 Stunden täglich. Aber auch sonntags wurden oft freiwillige"^^ Verladearbeiten an der Bahnstation gesucht. Der 'Arbeitslohn" betrug 7,20 Reichsmark im Monat. Die Arbeitskleidung war so schlecht, dass die Arbeiter das wenige Geld sparten, um sich Hosen und ähnliches kaufen zu können. Als tägliche Nahrungsration wurden angegeben: 250 g Brot. 15 g Margarine, 5 kleine Kartoffeln. 1943 wurde ein Russe namens Nikolaj angeblich wegen Wilddieberei in ein Arbeitserziehungslager eingewiesen. Nach drei Monaten kam er in einem so elenden Zustand zurück, dass er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Es gab auch Strafen im Lager: Von einer Frau, die als Kommunistin 'zu vorlaut' gewesen sei, wird berichtet, sie sei zu nächtlicher Einzelhaft in einer kleinen Zelle ohne Bett verurteilt worden. Durch die Solidarität ihrer Kameradinnen wurde ihr aber eine Decke zugeschmuggelt. Todesfälle sind aus den beiden Lagern im Linslerhof nicht bekannt. 1942 wurden 2 Frauen wegen Lungen-Tbc angeblich in das Krankenhaus Wadgassen eingeliefert. Sie kehrten nie wieder zurück. Ob sie wie viele Zwangsverschleppte im Rahmen der 'Rückführung in die Heimat" oder der T4-Mordaktion Opfer der Ausrottung geworden sind, lässt sich nicht mehr feststellen. Im Herbst 1944 wurden für einige Tage etwa 40 polnische Zwangsarbeiter durch das Arbeitsamt auf dem Linslerhof einquartiert, bevor sie mit unbekanntem Ziel weitergeleitet wurden. Hinter dieser marginal erscheinenden Tatsache verbirgt sich eine der letzten großen Tragödien des polnischen Volkes während des Krieges. Von August bis September 1944 hatten sich in Warschau Einheiten des polnischen Widerstandes zu einem aussichtslosen Aufstand erhoben, der von der SS und der Wehrmacht brutal niedergeschlagen und mit der fast völligen Zerstörung Warschaus beantwortet wurde. Voller Zynismus richtete der kommandierende SS-General in Warschau, Erich von dem Bach, am 17.9.1944 an die Aufständischen ein Schreiben, in dem es hieß: 'In der Annahme, dass in Zoliborz polnische Nationalisten und keine Bolschewisten kämpfen, wende ich mich aus Gründen der Menschlichkeit mit dieser Aufforderung an Sie: 1) Um ein unnötiges Blutvergießen der am Kampfe unbeteiligten Zivilbevölkerung, besonders der Frauen und Kinder, zu vermeiden, ist die Deutsche Wehrmacht bereit, dieser freien Abzug nach Westen zu garantieren ... 3) Die arbeitsfähige Bevölkerung wird in den Arbeitsprozess überführt ...'.
Umgehend antwortete darauf das Kommando der polnischen Truppen:
' ... Die sogenannte deutsche Menschlichkeit kennen wir Polen seit mehreren Jahren ... Es kann mich nur verwundern, dass es noch Deutsche gibt, die es wagen, von Menschlichkeit zu sprechen. Die deutschen Methoden gegenüber der Zivilbevölkerung sehen und beobachten wir, wir hören die Schreie der von den 'menschlichen' Deutschen gemordeten polnischen Bevölkerung, wir sehen die riesigen Brände ganzer Straßen, verursacht von eben jenen 'menschlichen Deutschen'."
Dieser von der SS angebotene 'freie Abzug nach Westen' gestaltete sich folgerichtig als eine der letzten großen Deportationen polnischer Zivilbevölkerung zur Zwangsarbeit in das Reich."

Foto: Landesbildstelle Nr. LPM00002437_01

Literatur: Volk, Hermann, Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Bd. 4 Saarland, Köln 1989, 132f.

letzte Änderung: BW 26.01.2007