Zwei Lager für Ostarbeiter in Beckingen

Ortsansicht von Beckingen
Ortsansicht von Beckingen

Ab 1942 unterhielt die Firma "Schraubenwerke Karcher" auf ihrem Betriebsgelände zwei Lager für Ostarbeiter



"Spätestens ab Anfang 1942 unterhielt die Firma 'Schraubenwerke Karcher' auf ihrem Betriebsgelände zwei Lager für Ostarbeiter. Das Männerlager (nach Augenzeugenberichten an die 30 Zwangsarbeiter) befand sich in der 'Kegelbahn' und in der 'Menage', dem ehemaligen Schlafhaus (heute AOK-Büro) in der Talstraße. Das Frauenlager für etwa 100 Ostarbeiterinnen war in der inzwischen abgerissenen 'Villa Knebel' im Deutschherrenpfad untergebracht.
Ab Sommer 1942 widmeten die faschistischen Organe im Rahmen des Sauckelprogramms dem 'Ausländerproblem' erhöhte Aufmerksamkeit. Die Firmen wurden um Stellungnahmen gebeten. So gibt uns eine Denkschrift der Firma Karcher, die auch zur Grundlage eines Prozesses gegen den Betriebsführer Stein nach 1945 wurde, Einblick in die Bedingungen des Lageralltags: Die anfängliche Befürchtung, mit dem Einsatz der Ostarbeiter müsse man in den Betrieben 'Sabotage, Arbeitsverweigerung, Widersetzlichkeiten, bolschewistische Zellenbildung, Politruks, Flintenweiber' erwarten - eine Redensweise, die den Betriebsführer als strammen Nationalsozialisten ausweist -, weicht bald der realistischeren Einschätzung, wie mit diesem 'Material' der höchste Profit zu erzielen sei: Für die mangelnde, bis auf '25-50%' eines deutschen Arbeiters herabfallende Arbeitsleistung der Ostarbeiter sieht die Firma 'falsche Behandlung und Erziehung verantwortlich, und sie rühmt sich, durch ihre eigene Handlungsstrategie die Leistung der Ostarbeiter auf 96% bis 109% angehoben zu haben. Vor allem müsse auf gute Ernährung Wert gelegt werden, zumal die sowjetischen Arbeiter nicht an deutsche Kost gewöhnt seien und sich z.B. weigerten, Kohl zu essen. Diese Überlegungen änderten am alltäglichen Hunger nichts, was aus dem Vorschlag erhellt, 'Schwerstarbeiterzulagen' in Form von belegten Broten (vor den Augen der hungernden Leidensgenossen ausgeteilt) sollten höhere Leistungen provozieren. Dieser 'Belohnung von Spitzenleistungen durch Brotschnitten' entspricht auf einer anderen Ebene die Vergabe von 'Weihnachtsgeschenken' ('Der Wunschtraum der Frauen wurde durch Halsketten aus sehr bunten Glassteinen erfüllt.'). Selbstgerecht zieht der Betriebsführer das Fazit: 'Die Knute bringt uns nicht weiter. Ohne in unangebrachte Weichheit zu verfallen: Der noch hier und da verbreitete Standpunkt, dass die schlechteste Behandlung, die miserabelste Unterkunft und der minderwertigste Fraß für die Russen gerade gut genug sind, sabotiert geradezu Ziel und Zweck des sowjetischen Arbeitseinsatzes.' Nüchterner dagegen stellt sich die finanzielle Seite der Angelegenheit dar: 'Angenommen es sind 100 Russen mit einem Durchschnittslohn von je 5,- RM täglich eingesetzt. (In Wirklichkeit war der 'Lohn' der Ostarbeiter um ein Vielfaches niedriger.) Bei 250 Arbeitstagen beträgt die Gesamtlohnsumme jährlich 125.000,- RM ...Bei nur fünfzigprozentiger Leistungsausbeutung aber entsteht... ein ungerechtfertigter Mehrlohn von 75.000,- RM jährlich ... Demgegenüber spielen einige 100 Mark hin oder her für höhere Betreuungskosten keine Rolle, sofern sich dadurch die Leistung verbessern Iäßt.' Die Menschenverachtung, die aus diesen wenigen Zeilen spricht, wird bestätigt durch die nur scheinbar widersprechenden Aussagen einer Augenzeugin: Maria Emmel aus Beckingen (deren Bruder Häftling im KZ Hinzert war) arbeitete als Köchin im Frauenlager der 'Villa Knebel'. Sie gibt an: Arbeitsbeginn für die Frauen war um 4 Uhr, die Arbeitszeit betrug 12 Stunden. Um 12 Uhr war eine kurze Mittagspause und Abendbrot gab es um 18 Uhr. Des Nachts waren die Frauen in dreistöckigen Bretterverschlägen ('Betten') in den einzelnen Räumen der Villa untergebracht. Die täglichen Essensrationen: 'Kaffee' und ein Brot für Frauen. Der weitere Speiseplan sah 'abwechselnd Kohl mit Kartoffeln und Kartoffeln mit Kohl' vor. Selten war die geringe Zugabe von Pferdefleisch. Häufig kam es zur Verweigerung des Essens. Bei den Männern ging dies oft (auch aus anderen Gründen) bis zur Arbeitsverweigerung. Die einzige 'Vergünstigung': Bei Fliegeralarm durften die Russen mit den Werksangehörigen in den Luftschutzbunker. Gestraft wurde mit Stockschlägen. Am Eingang der Villa war ein kleines Lokal für die Wachmänner, wo den 'Delinquenten' jeweils 25 Stockschläge verabreicht wurden. Der Vater von Josef Emmel hat nach dem Krieg einen der Wachmänner (namens Zymani?) wegen Gefangenenmisshandlung angezeigt. Daraufhin fand er im Betrieb keine Arbeit mehr. Der Prozess gegen den Betriebsführer Stein nach 1945 endete mit einem Freispruch, 'da ihm keine Verfehlungen nachgewiesen werden konnten'. 
Wie viele Tote es in den Lagern der Firma Karcher gegeben hat, Iäßt sich nicht mehr feststellen. Das Sterberegister der Gemeinde Beckingen nennt 6 Sowjettote, davon ist bei vieren als Todestag der 10.1.1945 genannt, die Lager wurden aber schon im November 1944 bei Näherrücken der Front evakuiert. Bei mindestens zweien der am 10.1.1945 getöteten Sowjetbürger handelt es sich nachweislich um zwei Unbekannte, die in der Gemarkung Hafenstücker/ Düppenweiler von SS-Leuten 'wegen Plünderns erschossen' wurden. Sie waren von einem Düppenweiler Bürger denunziert worden, weil sie angeblich Strümpfe und Kartoffeln gestohlen hätten. Diese Tat wird heute noch in Düppenweiler mit Verachtung für den Denunzianten erzählt."

 

Literatur: Volk, Hermann, Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Bd. 4 Saarland, Köln 1989, 73.

 

Letzte Änderung: BW 28.11.2006



13.7.2006 BW