Polizeihaftlager in Erbach

Ortsansicht von Erbach 1959
Ortsansicht von Erbach 1959

Das Lager 'Homburg-Nord' in der ehemals jüdischen Tabakfabrik Hewimsa war dem SS-Sonderlager Hinzert unterstellt

"Unter den 350.000 Westwallarbeitern, die 1938-1940 aus allen Reichsteilen zum Arbeitsdienst im Saarland gezwungen wurden, war es in den Jahren 1938/1939 immer wieder zu Verweigerung und Widerstand gekommen .Die sogenannten Sicherungsstäbe der OT und der Wehrmacht konnten die Ahndung dieser 'Vergehen' kaum mehr bewältigen. Örtliche Gefängnisse und schnell errichtete 'Not-Arrestlokale' quollen über. In dieser Situation veranlasste Todt persönlich den Bau eigener 'Polizeihaftlager', ohne die ihm die fristgerechte Fertigstellung der riesigen Befestigungsanlagen nicht mehr möglich erschien. Das erste dieser Lager war das im Oktober 1939 eingerichtete SS-Sonderlager Hinzert. Diesem unterstellt folgten in den nächsten Monaten mehrere Polizeihaftlager, so noch vor Jahresende 1939 das Lager 'Homburg-Nord', zuständig für den Bereich der Oberbauleitungen Homburg, Pirmasens und St. Wendel der OT. Geplant für die Aufnahme von 150 Häftlingen wurde das Lager in den beschlagnahmten Räumen der ehemals jüdischen Tabakfabrik Hewimsa eingerichtet. Durch ein über das Jahr 1940 hinweg geführtes Lagerbuch sind wir über die Zustände im Lager informiert. Die Anzahl der Häftlinge schwankte zwischen 50 und 100. Gearbeitet wurde durchweg zwischen 10 und 12 Stunden, auch an Sonntagen. Unter den härtesten Bedingungen sollten 'die Gestrauchelten zu geordneter Arbeit erzogen werden' (Todt). Der Tagesablauf z.B. am Sonntag, dem 10.3.1 940, sah folgendermaßen aus: Wecken 5 Uhr, von 7 - 15 Uhr Erdarbeiten für die Firma Sachs, danach Kleiderreinigen, von 17 bis 17.45 Uhr Exerzieren, danach Abendessen und Revierreinigen, 20.45 Uhr Abendappell, 23 Uhr Zapfenstreich. Unter dem 15.3.1940 berichtet das Lagerbuch: 'Zur Baustelle rückten um 7 Uhr aus 62 Häftlinge, in Begleitung von 3 Posten und einem Sanitäter. Das Einrücken ins Lager erfolgte vollzählig um 17.35 Uhr. Es war der Anblick eines einzigen Lehmklumpens. Tief im Schlamm steckend haben sie heute gearbeitet ... Wieder war ein Tag vorbei, an dem gute Vorarbeit zum Bunkerbau geschafft worden war.'' Doch konnte selbst die Härte der Behandlung nicht verhindern, dass es immer wieder zu Fluchtversuchen kam oder auch zu anderen Widerstandsformen. Unter dem 15.4.1940 vermerkt der wachhabende SS-Führer: 'Ebenso wurde gemeldet, dass der Häftling Nr. 328 (Storz) sich als Aufrührer entpuppte, die Untersuchung in diesem Falle wird erhoben, derselbe ist vorerst in Einzelhaft. Aus Sicherheitsmaßnahmen wurden heute den Häftlingen Nr. 328 ... die Haare geschnitten.' Nicht nur Häftlinge der OT saßen hier gefangen. Mit dem Elser-Attentat auf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller am 8.1 1.1 939 fand die Gestapo einen Vorwand, in einer Massenverhaftung im gesamten Reich zahlreiche Kommunisten, so auch im Saargebiet, in die Lager zu verschleppen. Sepp Müller aus Saarwellingen erzählt: 'Mit zwei anderen wurde ich im November 39 verhaftet und in die Zigarettenfabrik nach Homburg geschafft. Die SS hatte sich für die Neuankömmlinge einen besonderen Spaß ausgedacht: Mit zwei bis zum Rand gefüllten Wassereimern an den nach vorne ausgestreckten Händen mussten wir Kniebeugen machen bis zum Umfallen. Dann setzte es Schläge. Häufig riss die SS die Häftlinge aus dem Schlaf und ließ sie nackt im Schneematsch und in der Dunkelheit exerzieren. Die Brutalitäten der Wachmannschaften nahmen so zu, dass der in der Fabrik wohnende Koch des benachbarten DAF-Lagers Anzeige beim SD erstattete. Es kam zur Ablösung der Wachmannschaften nach Hinzert. Danach wurde es etwas erträglicher.'
Bis zum November/Dezember 1940 bestand das Lager in Erbach. Unter dem 22.11.1940 heißt es im Lagerbuch: 'Die letzten 3 Häftlinge wurden heute entlassen.' An die Stelle des aufgelösten Lagers Erbach trat ab Oktober 1940 das Polizeihaftlager Kirrberg. Über seine Geschichte besitzen wir kaum Kenntnisse. Es bestand wohl nur kurzfristig, denn Mitte 1941 wurden die letzten Einheiten der OT aus dem Saarland abgezogen.
Ab Mitte 1944 diente die Tabakfabrik erneut der Inhaftierung von Antifaschisten, die man in der Folge des Stauffenberg-Attentats und im Rahmen der 'Aktion Gitter' verhaftethatte. Da die Räumlichkeiten die Massen der ehemaligen Kommunisten und Sozialdemokraten nicht aufnehmen konnten, wurde in der Filiale der Fabrik in Bruchmühlbach ein Behelfslager eingerichtet. Die meisten Antifaschisten waren in Erbach und Bruchmühlbach nur wenige Wochen eingesperrt, doch bestand das Homburger Lager mindestens bis zum Januar 1945. Denn bis zu diesem Zeitpunkt war der Frankenholzer Baptist Fuhr Häftling in Erbach."

Literatur: Volk, Hermann, Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Bd. 4 Saarland, Köln 1989, 141.

letzte Änderung: BW 28.11.2006

 

Organisation Todt: OT de.wikipedia.org/wiki/Organisation_Todt