Kriegsgefangenenlager im Landeskrankenhaus Homburg

Uniklinik 1954
Uniklinik 1954

Bei dem ab Juli 1940 eingerichteten Reservelazarett der Wehrmacht wurden im Laufe des Jahre 1942 Baracken für sowjetische Kriegsgefangene gebaut. Lagerleiter des Kriegsgefangenenlagers und der Krankenabteilung war Oberstabsarzt Dr. Heene


"1938/39 hatten sich in den Räumen des Landeskrankenhauses die Oberbauleitung der OT und ein Festungspionierstab der Wehrmacht eingerichtet. Bald nach Kriegsbeginn wurden hier die ersten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter eingesetzt. Der erste größere Transport von sowjetischen Kriegsgefangenen nach Homburg erfolgte wahrscheinlich im September 1941. Aus dieser Zeit sind zwei Lager bekannt: eines im Bereich des LKH, das anderen in einem 'Pionierpark' bei Einöd. Zumindest das Homburger Lager hatte in dieser Phase eine ähnliche Funktion wie das Lager in Wochern ... Insgesamt kamen von den 3,3 Millionen sowjetischen Gefangenen des zweiten Halbjahres 1941 noch vor dem Dezember 1,4 Millionen in den Lagern der Wehrmacht ums Leben, bis zum ersten Februar 1942 waren es 2,1 Millionen. Das sind etwa 2/3 aller Gefangenen. Entsprechendes gilt auch für Homburg. Man ließ die Gefangenen schlicht verhungern. Viele wurden erschossen, angeblich 'auf der Flucht'. Der erste der Toten war Stefan Sydor, gestorben am 20.9.1941 im Alter von 25 Jahren. Der zweite war Iwan Gewak. Am 27.9.1941 verblutete er nach einem Bauchschuss. In der kurzen Zeit von Oktober bis Anfang Dezember starben auf diese Weise mindestens 60 Menschen. Die Toten wurden auf dem städtischen Friedhof beerdigt, oft 4-5 Leichen in einer engen Grabstelle zusammengepfercht. Dort ruhen sie heute noch in der gleichen Weise.
Bei dem ab Juli 1940 eingerichteten Reservelazarett der Wehrmacht wurden im Laufe des Jahre 1942 Baracken für sowjetische Kriegsgefangene gebaut. Lagerleiter des Kriegsgefangenenlagers und der Krankenabteilung war Oberstabsarzt Dr. Heene. Dieses Lager bestand bis zur Einnahme Homburgs durch die Amerikaner. Noch in den letzten Kriegsmonaten hatte es eine bedeutende Ausweitung erfahren, um Hunderte aus dem näher rückenden Frontbereich evakuierte Gefangene aufzunehmen. Heene ließ die Kapazität der Krankenabteilung von 600 auf 850 Betten anheben. Die einigermaßen arbeitsfähigen Gefangenen wurden zum Bunkerbau und Schanzarbeiten eingesetzt, aber vermutlich auch an die örtliche Industrie ausgeliehen. Der Festungspionierstab im LKH ließ unter anderem einen bombensicheren Bunker mit ca. 15 - 20 Meter Felsendeckung bauen, mit einer Schutzraumkapazität von 300 - 400 Personen. Die kranken, aus allen Gebieten der Westmark nach Homburg überstellten Gefangenen starben zu Hunderten. Etwa 250 Tote aus dieser Zeit liegen allein in Besch (Gemeinde Perl) begraben. Dorthin wurden sie in den 60er Jahren vom Homburg aus umgebettet. Das ist jedoch nur ein Bruchteil der Wirklichkeit. Nach 1945 befand sich im LKH eine Sammelstelle für Sowjetbürger, die von dort in ihre Heimat zurückgeführt werden sollten. Nach Aussagen des stellvertretenden Leiters, A.N. Komolzew-Putschkow, 'sind allein im Homburger Lazarett des Stalag XI1 B, das dem Stab des Wehrkreises Wiesbaden unterstand, in kurzer Zeit 2.302 sowjetische Kriegsgefangene an Unterernährung, Krankheit und Verletzungen zugrunde gegangen. Das waren die Häftlinge der Arbeitskolonnen 1416, 2151, 10687, 26737, 1181, 9700, 1696, 2226, 689 und andere, die gezwungen worden waren, überschwere Arbeiten in den Werken in Mannheim und Kaiserslautern, in den Gruben und anderen Unternehmen in Wattweiler, Böckweiler, Baumholder und anderen Städten und Orten Bayerns, der bayerischen Pfalz, der Saar und Elsass/Lothringens zu leisten.' A.N. Komolzew-Putschkow teilte mit, dass es sowjetischen Menschen gelang, mit Hilfe des polnischen Kriegsgefangenenarztes Ast, der zur Kartei des Lagers Zugang hatte und das Vertrauen der deutschen Lagerleitung genoss, heimlich die Namen der im Lager Verstorbenen zu notieren. Diese Liste wurde unter dem Fußboden der Leichenhalle versteckt. Welche Rolle in diesem Drama der Euthanasie-Arzt Heene als Lagerleiter und ärztlicher Leiter der Krankenstation spielte, ist ungeklärt. Ebenso unklar ist die Funktion des pathologischen Instituts von Prof. Dr. Rotter, das 1944 von Saarbrücken nach Homburg verlegt worden war.
Die hohe Sterberate unter den Gefangenen sank nicht gleich mit der Befreiung Homburgs durch die Amerikaner am 21.3.1945. Hunger, Entkräftung und Krankheit forderten auch nach diesem Tag ihren Tribut. In Besch sind 86 Tote begraben, die nach diesem Datum in Homburg starben. Die meisten der beim LKH heute noch Begrabenen sind mit ähnlich späten Todesdaten in den Listen verzeichnet. Insgesamt sind nach Angabe der verschiedenen Listen 450 Tote (vor allem aus der Sowjetunion, wenige Polen, ein paar Jugoslawen) in Homburg und Besch begraben. Dazu kommen noch etwas mehr als ein Dutzend polnischer und italienischer Opfer, die im Landeskrankenhaus starben und in Homburg beerdigt wurden. Die italienischen Toten wurden 1957 nach Frankfurt umgebettet. Rechnen wir alle verstreuten Angaben zusammen, kommen wir auf maximal 500 Tote. Was ist mit den fast 2.000 Opfern geschehen, die sich aus der Differenz mit der von Komolzew genannten Zahl ergibt? Der lokalen Geschichtsforschung bleibt hier noch ein weites Feld.

Literatur: Volk, Hermann, Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Bd. 4 Saarland, Köln 1989, 142f.

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letzte Änderung: BW 28.11.2006